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2409’s
Renegades Schicksal

Einhundertzehn Folgen lang konnte Reno Raines, der smarte Ex-Cop unter Mordverdacht, genannt Renegade, jetzt Kopfgeldjäger, sich als wahrer Held mit wenig Text behaupten. Wie in fast jeder Folge, ist er auch in unserer heutigen noch während des Vorspanns damit beschäftigt, auf’m Moped zu fahren, dann plötzlich zu stoppen, seine Country-Stiefel in den Staub zu stellen und sein Handy aus der Jacke zu ziehen, welches in der Innentasche entweder geklingelt hat, was dann nicht synchronisiert wurde oder aber er hat es noch vor dem Vorspann auf Vibrieren umgestellt, weil man ihm gesagt hatte, man würde das Klingeln sowieso nicht synchronisieren und er es doch aber nicht verpassen wollte. Das Klingeln. Oder Vibrieren. Egal! Jedenfalls geht er ran:
»Ja bitte?«
»—« (lange Pause – man soll denken, am anderen Ende der Leitung wird gesprochen – es ist aber nur der Regisseur dran, der Renegade den weiteren Text durchgibt).
»Ich fahr sofort los!« sagt Renegade. Das sagt er immer.
Renegade legt auf und fährt los. Dramatische Kamera-Einstellung auf die untergehende Abendsonne am Horizont. Echt cool!
Ich fahr sofort los war nicht der einzige Text, der Renegade durchgegeben wurde. Der Regisseur bleute ihm noch drei weitere Sätze ein. Drei Sätze, die Renegade nur nicht verwechseln durfte, dann würde schon alles gutgehen.
Nächste Einstellung: Man sieht einen Metzger-Laden, in dem eine korpulente, weiß bekittelte Wurstwaren-Fachverkäuferin fast ohnmächtig wird, als Renegade den Laden betritt (Ladentürglocke wieder nicht synchronisiert).
»Was wünschen Sie?« fragt die Frau hinter der tresenförmigen Wurstausstellung.
»Rügenwalder!« sagt Renegade und lächelt vielsagend. Dabei macht er genau das Gesicht, das der Regisseur haben wollte: Er guckt wie immer.
»Ham wa nich!« Etwas angewidert zeigt die Fachverkäuferin nicht ein Scheibchen Verständnis für diesen nicht allzu ungewöhnlichen Wunsch des König Kunden.
»Die mit der Mühle« Renegade guckt wie immer. Renegade lächelt.Wie immer. Neu ist nur, daß er langsam aber sicher den Boden unter den Füßen verliert.
»Hör mal zu, Du Pfeife,« beginnt die Metzgerin einfühlsam zu motzen, »wenn Du hier Streß machst kurz vor sechse, denn flip ick aus. Eingebildeter Fatzke.«
Renegade ist völlig raus. Stockend läßt er auch noch den letzten ihm aufgetragenen Satz aus seinem Mund plumpsen wie Luftblasen, wenn man unter Wasser einen Hustenanfall bekommt.
»Ich nehm’ sie alle!«
Ein Kloß hängt Renegade im Hals. Seinen Rückzug planend schielt er zur Tür.
»Sieh zu, daßde Land jewinnst und laßda janich wieda blicken!«
Wie immer folgt Renegade den Anweisungen der Regie sehr sorgfältig, die in diesem Moment jedoch von der fleischverarbeitenden Industrie geführt wird.
Die Metzgerin ruft ihm noch »Arroganter Ami-Scheißer« nach, woraus ein versierter Tontechniker bei der Nachbearbeitung des Filmmaterials aber Ami-Sch-anter Ami-Scheißer schneidet. Als man erfährt, was Scheißer eigentlich übersetzt heißt, läßt man den Satz ganz weg und legt statt dessen das Geräusch eines startenden Motorrads darüber, was allen Beteiligten dann auch am besten gefällt, weil es einfach schlüssig ist.
Ebenfalls schlüssig, jedoch völlig uncool auf den folgenden Bildern der Szene, ist die Tatsache, daß Renegade am ganzen Körper zittert, ja förmlich schlottert.
Befände er sich in diesem Moment in jemandes Innentasche, er würde rausgeholt, sein linker Arm nach oben geklappt, die Abheben-Taste auf seinem T-Shirt gedrückt und sein Kopf vor ein überdimensionales, übelriechendes Ohr gehalten. Daraufhin würden die Worte »Ja bitte?« in seine Kni-Gegend gesprochen.
Renegade hätte dann am eigenen Leib erfahren, was die Worte feuchte Aussprache und Industriefön wirklich bedeuten.

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Alle Texte (C) 2409 (im G.R.M.B.L. Verlag)



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