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Umtata
»Ich glaube, wir sind da in eine üble Zeitschleife geraten, Captain.« Den Mut verlierend sah Spock auf sein Multi-Total-Alles-Meßgerät, das aussah wie das Innenleben eines Ostföns, dem er die maßgeblichen Parameter für das völlige Scheitern dieser Mission entnahm.
»Sind sie sicher?« fragte Kirk.
Spock schlug nicht zu, obwohl er derart einfältige Fragen nicht ausstehen konnte.
Er blieb ruhig und sagte: »Nach dem jetzigen Erkenntnisstand, meinen Fähigkeiten auf diesem Gebiet und, natürlich nicht zu vergessen, der Meßungenauigkeit dieses Föns zu urteilen, besteht kein Zweifel, Captain. Die Mission ist gescheitert, unsere Position im All ist unbestimmt«.
Spock haßte sich in diesem Moment. Auf seinem Heimatplaneten hätte er niemals sowas von umständlich geantwortet, auch nicht seinem Vorgesetzten. Er hätte die Zweifel des Fragenden mit einem Kieferbruch aus dem Weg geräumt. So wie es zu Hause alle taten: »Meinst du wirklich?« krach. »Ach was, ehrlich?« umpf. »Bist du sicher?« ork zonk boff.
Die Band begann wieder zu spielen. Trotzdem Kirk und Spock diese Art Musik nie zuvor gehört hatten, glaubten sie, den Song wiederzuerkennen. Es war der gleiche Song, den die Band vor zehn Minuten gespielt hatte.
»Captain, wenn sie wollen, frag ich mal die Kellnerin, auf welchem Planeten wir uns befinden. Offensichtlich ist das hier ein Ort, wo unsere hochintelligente Technik versagt.« Wieder sah Spock auf sein Meßgerät, das in modischem orange sicherlich ein Renner in den Sechzigern war.
»Vielleicht ist ja die Batterie alle?« mutmaßte Kirk.
Spock verdrehte die Augen. »Die Batterien habe ich überprüft.«
Kirk zuckte mit den Schultern. »Versuchen sie es doch mal mit dem Kometen!
Widerwillig packte Spock den Kometen, wie der Captain sein Stratosphären-Oltroskop aus unerfindlichen Gründen nannte, auf den derben Holztisch, an dem sie saßen. Während er das Zubehör rauskramte, dachte er darüber nach, wie sehr ihn doch die Art des Captains nervte. So völlig ohne technisches Verständnis. Nicht mal die Namen der Geräte merkte er sich. Herabwürdigend. Letztens hat er doch tatsächlich die Meßfühler des Oltroskopes als Knethaken bezeichnet! Das muß man sich mal vorstellen! Knethaken! Ja, backen wir hier einen Kuchen, oder was?
Kirk sah eine Weile dem Gepfriemel an dem Oltroskop zu, das in seinen Augen nichts weiter war als ein Handrührmixgerät, nahm dann einen großen Schluck Bier und wendete sich demonstrativ der Band zu.
»Alkohol verkürzt das Leben, Captain« Spock konnte sich diese Bemerkung nicht verkneifen.
»Soll mir recht sein,« entgegnete Kirk, »wenn mein Leben an den langweiligen Stellen etwas gekürzt wird«
Umtata, umtata... Kirk trommelte den Rhythmus des Liedes mit seinen Fingern auf dem Tisch.
Spock grummelte. Er steckte die beiden Meßfühler in die dafür vorgesehenen Öffnungen an der Unterseite des Oltroskopes. Dann betätigte er einen Knopf. Die Meßfühler drehten sich alles in Ordnung. Spock setzte die Kopfhörer auf. An ausgestreckten Armen hielt er das Otroskop wie eine Waffe und zielte auf die Band. Die Lautstärke der Musik ließ es zu, das Gerät auf Stufe drei laufen zu lassen. Spock nahm einige Messungen vor: Von der Band, von den Leuten am Bühnentisch. Dann von dem Typen hinter der Theke, der seinerseits interessiert zurückblickte, während er mit dem Ende eines weißen Bettlakens, das er sich über die Schulter geworfen hatte, ein Glas polierte.
Abschließend hielt Spock es für notwendig, von der Kellnerin ein paar Daten zu bekommen. Es war schon eine kleine Herausforderung, da sie durch ihre Serviererei nicht stille stand. Spock umschloß den Griff des Oltroskopes fest mit beiden Händen und rückte den Kopfhörer mit Hilfe seiner rechten Schulter gerade. Er kniff die Augen zusammen und fixierte sein Ziel. Er mußte sie möglichst zehn, fünfzehn Sekunden ununterbrochen im Visier der Meßfühler haben, um ein auswertbares Ergebnis zu erhalten.
Zwölf, elf, zehn...
Spock schluckte, seine Sinne waren zum Zerreißen gespannt.
Acht, sieben...
Noch hatte er sie...
Fünf, vier die Band hatte ihren Song beendet. Die Musiker stellten ihre Instrumente hin. Man sah ihnen an, daß sie keinen Applaus erwarteten. Die Leute klatschten auch nicht. So blieb in der plötzlich entstandenen Stille nur das dröhnende Geräusch eines Oltroskopes in den Händen eines Vulkaniers mit Kopfhörern auf. Gäste von den Nachbartischen drehten sich um und ihre Gesichter verlangten Antworten. Spock sah von einem zum anderen. Ein Lächeln hielt sich krampfhaft auf seinem Gesicht wie eine Katze auf einer D-Zug-Windschutzscheibe, die ein solch enormes Tempo einfach nicht erwartet hatte.
Spock befand sich immer noch in Meßstellung. Endlich wurde er der Situation gewahr und schaltete das Gerät ab. Er winkte der Kellnerin und rief: »Wir nehmen nochmal ein Bier und einen Apfelsaft!« Dann vergrub er sein Gesicht in die Gott sei Dank großformatige Speisekarte.
Auch Captain Kirk, obwohl er in diesem Moment schon ein wenig triumphierte, überkam ein peinliches Gefühl. »Nehmen sie wenigstens die albernen Kopfhörer ab!« zischte er. »Mit ihnen kann man ja nirgends hingehen!«
Spock riß sich umständlich die Kopfhörer herunter, ohne den Blick von der Karte zu lösen.
Kirk versuchte, wie es sich für einen Captain gehörte, streng zu kucken.
»Nun, Mr. Spock, was ist das Ergebnis ihrer Meßreihen?«
Spock verzog den Mundwinkel. Eine peinliche Situation das ist das Ergebnis. Kleinlaut brummte er was von »Ergebnis ... nicht möglich ... Zeit ... zu kurz«.
Doch der Captain gab sich damit nicht zufrieden. »Mr. Spock. Würden sie bitte lauter sprechen, damit wir alle hier, äh, ich meine, damit ich sie verstehe?« Der Pädagoge erwachte in Kirk.
Spock wurde noch kleiner hinter seiner Karte. »Nun, Captain, ich konnte unseren Standort leider nicht feststellen, da die Zeit für die Messung zu kurz war.«
»Aha«, trompetete Kirk. »Ist ja interessant! Dann werde ich ihnen eben sagen, wo wir uns befinden. Ich brauchte dazu weder Fön oder Mixer noch irgendwelchen anderen Küchenkrempel. Ich habe einfach mein Gehirn benutzt. Das sollten sie vielleicht auch mal tun, Mr. Spock! Anstatt sich hinter dieser riesigen Speisekarte zu verstecken, hätten sie lieber draufschauen sollen, denn dort steht der Name des Gasthauses, in das Scotty uns versehentlich geschickt hat. Da! Lesen Sie!« Kirk zitterte vor Erregung.
Spock las: »Hofbräuhaus? Da sind wir? Sie meinen das Hofbräuhaus, von dem uns die Band vorhin einen Song gesungen hat? In München? Das München, das wir Amis einfach nicht korrekt aussprechen können? Das Wort mit der doppelten Amifalle? Umlaut plus »ch«? Aber das »ch« weich gesprochen?« Spock war außer sich. Fassungslos sah er seinen Captain an. Er hatte ihn unterschätzt, das wurde ihm suddenlich klar.
Kirk, der Wert darauf legte, zu seiner Mannschaft nicht nur ein strenges, sondern auch väterliches Verhältnis zu pflegen, nahm Spocks Hand und sah ihm fest in die Augen. Er sprach ruhig und langsam: »Ja, Mr. Spock. Hofbräuhaus. München. Genau dort sind wir. Und sie hatten recht. Wir sind da in eine üble Zeitschleife geraten.«
Die Kellnerin kam und brachte ein Bier und einen Apfelsaft. Die Band begann wieder zu spielen. Es war das gleiche Lied. Bewegungsunfähig ließen sich Mr. Spock und Captain Kirk von der außergewöhnlichen Hookline »In München steht ein Hofbräuhaus 1 - 2 - gsuffa« gefangennehmen. Sie waren im Hofbräuhaus. In München. Umlaut plus »ch«. Aber das »ch« weich gesprochen.
Noch immer hielt Captain Kirk Mr. Spocks Hand.
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