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Vorwort des Herausgebers
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An einem Mittwoch, ich erinnere mich noch gut, die Sonne schien, spazierte dieser Typ im ausgebeulten T-Shirt mit einem Stapel Papier unterm Arm geradewegs auf unser kleines, bescheidenes Verlagsgebäude zu.
Zielstrebig durchquerte er das sparsam mit Blattgold verzierte Foyer, vorbei an den profanen Plastiken, dem schlichten Springbrunnen, setzte Fuß um Fuß auf die einfachen Marmorplatten, die unseren Eingangsbereich mit einem scheinbar zufälligen Muster unterlegen. Betrachtet man dieses Muster jedoch von der Gallerie der achten Etage, da, wo wir so viele Palmen stehen haben und unser Krokodil in diesem... na... Glasding zu bewundern ist, so entsteht unverkennbar das Konterfei unseres Gründers Lord Emil Grummelbach, der uns in seiner Bescheidenheit und Sparsamkeit noch immer Vorbild ist. Wir wollen schließlich verlegen und nicht protzen.
Unaufhaltsam schritt der Typ durchs Parterre. Durchs Treppenhaus. Durch die Gänge. Zu Fuß ein ganz schönes Ende. Hut ab! Wie er mein Büro fand, das samt anschließender Terasse etwas versteckt im hinteren Südflügel des Verlagsgebäudes liegt, ist mir noch heute ein Rätsel. Alle Mitarbeiter im Rezeptionsbereich hatten klare Weisung, niemanden in Bezug auf Lage von Büros, Zuständigkeiten oder gar Sprechzeiten aufzuklären. Schon gar nicht Typen mit Manuskripten unterm Arm. Sind ja doch bloß Autoren, die verlegt sein wollen. Unser Logo ist ein mit Knete verstopftes Ohr.
Gut. Dieser Typ jedenfalls mußte sich von Weißgottwoher die Grundrisse besorgt haben. Er fand mein Büro, riß die Tür auf, kam herein und begann sofort zu reden: »Guten Tag! Ich hab da was geschrieben. Es ist gut. Mein Name ist Vierundzwa... hallo?«
»Hier! Ich bin hier draußen, junger Freund!«, rief ich ihm durch die offene Terassentür zu. Ich beschnitt gerade meine Rosen. Die anstrengende Verlagsarbeit verlangt nach Ausgleich.
Er erschien in der Terassentür. Während ich mir mit dem Gummihandschuh den Schweiß von der Stirn wischte, besah ich mir den Eindringling. Seit Jahren hatte es kein Autor bis in mein Büro geschafft. Die meisten scheitern an den Elektrogeländern im Treppenhaus. Typisch für den ganzen Berufsstand! In ihren Büchern sind sie immer die Helden, aber mit den einfachsten Dingen kommen sie nicht zurecht.
»Guten Tag...«, begann er wieder, etwas unentschlossen wie mir schien.
»Kommen sie näher«, sagte ich und wandte mich wieder den Rosen zu. »Wie war gleich ihr Name?«
»Mein Name? Oh, mein Name ähm...«
»Na, ist ja auch egal. Was führt sie zu mir?«
»Ich hab da was geschrieben.«
»Das sagten sie bereits.«
Er schwieg.
Ich sah ihn an.
»Sie möchten, daß ich es lese und am Ende gar verlege?«
»Äh... eigentlich ja...«
»Dann hören sie. Ihre Texte sind im Ansatz nicht schlecht, doch fehlt es ihnen an Substanz, sprich, die Qualität liegt eine Nuance unterhalb unserer Ansprüche. Wir sehen daher momentan keinerlei Verwertungsmöglichkeiten für ihr Material. Das soll sie aber nicht davon abhalten, uns weitere Proben ihres Schaffens zukommen zu lassen.«
»Ja, aber...«
»Sie meinen, ich habe es ja noch nicht einmal gelesen, oder?«
»Genau!«
»Möchten sie, daß ich es erst lese und ihnen dann sage, daß ihre Texte im Ansatz nicht schlecht sind, es ihnen aber an Substanz fehlt?«
»Nein...«
»Sehen sie. Das würde ich aber. Denn einen Autor unter Vertrag nehmen, hieße für mich viel Anstrengung. Als da wären: Manuskripte lesen, das Lektorat, der Satz, die Druckerei, die Werbekampagne – alles Dinge, die mich von meinen geliebten Rosen fernhielten. Und wenn es eines gibt, was ich nicht will, dann, daß meinen Rosen nicht genügend Pflege zuteil wird.«
Er schwieg.
»Verstehen sie das?«
»Ja, schon.« Er betrachtete die Rosen. »Gibt es denn wirklich gar keine Möglichkeit? Ich schrieb mir die Finger wund. Nacht um Nacht gehorchte ich meiner Seele. Führte Zwiegespräche. Dieser Stapel Papier ist das Zeugnis davon. In letzter Zeit jedoch mischte sich mein Magen in diese Unterhaltung ein. Sehr energisch zuweilen. Sie verstehen?«
»Ich verstehe sie! Nur: Sich um die Rosen hier kümmern ist ein Fulltime-Job. Sich um ihr Buch da kümmern, wäre ein zweiter. Ich kann mich nicht zerteilen. Tut mir leid für sie.«
»Mmh...« Er betrachtete noch immer die Rosen und kratzte sich am Kinn: »Vielleicht gäbe es ja doch einen Weg...«
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Ja, so war das damals. Nun ist es schon fast drei Jahre her, seit dem dieser Typ sich leidlich um meine Rosen kümmert, das Büro reinigt, die Gänge fegt, wischt und bohnert, die Post holt, das Dach repariert, das Krokodil füttert und die Deckenmalerei in unserer Kantine erneuert. Wir drucken dafür den einen oder anderen Text aus seinem Papierstapel ab. Mit Verlaub, ich habe nun wirklich eine ganze Menge von ihm gelesen, aber ich kann mir nicht helfen. Irgendwie fehlt es den Sachen an Substanz, will sagen, Qualität, naja, sie wissen schon. Es sind eben doch nur Buchstaben, Ziffern und Satzzeichen. Vor allem Satzzeichen. Unglaublich viele Satzzeichen!
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Wilfried N. Haam
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(der alleroberste Chef des
G.R.M.B.L. Verlages)
im Januar 2002
Reklame
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Alle Texte (C) 2409 (im G.R.M.B.L. Verlag)
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blättern
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